Gerade in den Wechseljahren ist für viele Frauen Haarausfall ein Thema. Doch die Ursachen sind vielfältig. Für viele Frauen beginnt eine Odyssee von Arzt zu Arzt. Frauenärzte, Hautärzte oder Internisten: Alle können für den Haarausfall zuständig sein. Eine Therapie kann sehr viel Geduld erfordern.
 Haare - wallendes Objekt der Begierde: Ganz nüchtern gesehen sind sie nichts anderes als Hornfäden, zusammengesetzt aus Keratin, einer schwefelhaltigen Eiweißverbindung, Wasser und Fett. Und dieselbigen sind äußerst zahlreich: 100.000 bis 150.000 trägt Frau am Kopf.
Haare - Luxus der Natur
Lange Haarpracht ist Symbol für Weiblichkeit, Erotik, Sexappeal. Und “Frau” setzt es ein: Sie lockt mit Natur pur oder chemischer Frisur. Haare, Luxus der Natur, sind ein Milliardengeschäft. Kaum ein anderer Teil des Körpers erfährt so viel Pflege, Aufmerksamkeit und Hingabe. Haare sind der Rahmen einer anziehenden Frau. Umso dramatischer für jede Frau, wenn die Haare plötzlich ausfallen.
Haarausfall ist heimtückisch - auch wenn er sich noch tarnen lässt. Die Bedrohung, alle Haare zu verlieren, ist eine Urangst. Haarausfall ist nicht nur ein Problem “älterer Damen”.
Gründe für Harausfall
Die Gründe, warum es dazu kommen kann, sind so zahlreich wie “Frau” Haare am Kopf hat. Die Zahl der Betroffenen ist hoch - nahezu jede Dritte leidet an Haarverlust.
Was man wirklich weiß ist, dass die Hormone oder das Immunsystem schuld sein können. Und man weiß, dass “Frau” wie auch “Mann” Haarausfall geerbt haben können - wobei wieder die Hormone eine entscheidende Rolle spielen.
Die Wurzel allen Übels ist die Haarwurzel
Ist das Kopfhaar drei bis sechs Jahre gewachsen, verhornt die Haarwurzel zu einem Kolben. Die Papille, das Wachstumszentrum des Haares, schrumpft ein. Die Haarwurzel nimmt die typische Kolbenform an. Der Follikel weitet sich wieder nach unten, die Keimzellen beginnen, sich erneut zu teilen. Wurde das alte Haar noch nicht verloren, so wird es spätestens jetzt ausgestoßen. Das dauert beim einen länger, beim anderen geht es schneller. Ein gesundes Kopfhaar erneuert sich so etwa 20 Mal im Leben.
Am Anfang der Ursachenforschung steht meist das Trichogramm. Man reißt etwa 30 Haare aus, die dann untersucht werden. Das Trichogramm zeigt, ob die Haare korrekt wachsen, wie viele Haare aktiv sind und wie viele bereits abgestorben. Das normale Verhältnis zwischen aktiven und abgestorbenen Haaren liegt bei etwa 90 zu 10.
Das Trichogramm ist für die meisten Frauen der Startschuss für weitere, komplizierte Diagnoseverfahren, um die Ursache des Haarverlusts zu finden. Eine Odyssee von Experte zu Experte ist fast immer angesagt: Vom Friseur geht es zum Hausarzt, vom Dermatologen zum Frauenarzt und weiter zum Hormonspezialisten.
Haarausfall ist ein Symptom
Haarausfall ist keine Krankheit - Haarausfall ist immer nur ein Symptom. Das macht die Diagnose so schwierig und die Therapie oft erfolglos. Allein bei 60 Hautkrankheiten kann man Haare verlieren. Weitere Ursachen: Krebs, andere schwere Erkrankungen, Entzündungen, Vergiftungen, Mangelerscheinungen, Störungen des Immmunsystems, Medikamente, zu viel Vitamin A, hormonelle Veränderungen, seelische Belastungen - und zu guter Letzt: Mann und Frau können Haarausfall erben.
Hat eine Frau einen erblich bedingten Haarausfall, spielen mehrere Faktoren zusammen:
Dennoch: Für “Weiblichkeit pur” sind auch männliche Hormone notwendig - wenn auch nur in geringer Menge. Gleichzeitig sind sie aber Sündenbock für den häufigsten Haarausfall bei Frauen.
Im Gegensatz zum Mann ist der Anteil an männlichen Hormonen im weiblichen Organismus um das fünf- bis zehnfache niedriger. Produziert werden diese in der Nebennierenrinde und in den Eierstöcken. Im Fettgewebe werden schwache in stark wirksame männliche Hormone umgewandelt. Sichtbarste Aufgabe der männlichen Hormone - ein Hauptvertreter ist das Testosteron - ist die Regulation des Haarwachstums bei der Frau. Zuviel Testosteron heißt allerdings: Haarausfall.
Ultraschall und Bluttest
Eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse gehört ebenfalls zum Standardprogramm, um der Ursache von Haarausfall auf die Spur zu kommen. Veränderungen dieses Organs geben Hinweise auf hormonelle Störungen. Doch nach Trichogramm und Ultraschall steht die Diagnose häufig auch noch nicht fest. Als nächstes schließt sich der Bluttest an, mit dem Untersuchungsschwerpunkt Hormone.Â
Sind es immer die Hormone?
Sind Östrogene, die weiblichen Hormone, die Wunderwaffen gegen Haarausfall? Ja und Nein: Denn für Frauen über 30 und für Raucherinnen sind diese künstlichen Hormone nicht geeignet (sogar gefährlich). Silberstreif am Horizont für Frauen jeden Alters: Das Schwangeren-Hormon Östriol, es ist nebenwirkungsarm und erfolgreich - wie man hört.
Objektivierbar ist eines: Zu viele männliche Hormone sind schuld an Haarausfall - gleichzeitig können sie aber auch Haarwucherungen auslösen. Haare sprießen plötzlich dort, wo sie lästig sind, unangenehm und seelisch belastend. Gipfel der Möglichkeit: Gleichzeitiger Haarausfall am Kopf und Haarwucherungen am restlichen Körper - nach männlichem Muster.
Was ist, wenn es nicht die Hormone sind?
Was ist, wenn abgeklärt ist, dass keine ernsthafte Erkrankung zugrunde liegt und die Haare dennoch ausgehen? Dann wäre die Haaranalyse eine weitere diagnostische Möglichkeit. Sie gibt Aufschluss über Mineralstoffe und Spurenelemente. Diese Methode ist nach wie vor umstritten - dennoch liefert sie Informationen, die ein Bluttest nur bedingt liefern kann.
Ursache Stress
Welche Frau hat keinen Stress - ausgelöst durch Doppelbelastung Beruf und Familie. Magnesium wird unter Stress vermehrt ausgeschieden. Es lagert sich im Haar ein. Ein hohes Magnesium-Vorkommen im Haar bedeutet: Stress. Zu wenig Eisen oder Zink im Körper kann ebenfalls schuld an Haarausfall sein.
Was ist mit der Chemie?
Können Shampoos, Spülungen, Festiger, Kuren und andere “Haarverschönerungs-Mittel” die Haare schwinden lassen? Diesmal fast eine klare Antwort: Nein. Aber: Allergien können sie sehr wohl verursachen. Am meisten werden die Haare durch Bleichen, Färben, Dauerwellen geschädigt - sofern dies nicht sach- und fachgerecht gemacht wird. Pfusch lässt die Haare abbrechen, schädigt sogar die Haarwurzeln.
Und mechanischer Abrieb tut auch nicht gut: Haargummis, Steckkämme oder Lockenwickler - ständig genutzt - können Ursache für kahle Stellen sein.
Der kreisrunde Haarausfall
Was beispielsweise vor Jahren Sinead O’Connor zur Kultfrisur erkoren hat, ist für andere Frauen Alptraum oder harte Realität. Denn mit einer totalen Glatze kann der sogenannte kreisrunde Haarausfall enden - die zweithäufigste Art des Haarausfalls bei beiden Geschlechtern. Mit einer kleinen kahlen Stelle, etwa 2-Euro-Stück groß, fängt er an.
Der kreisrunde Haarausfall - Fachausdruck Alopezia areata - ist eine Autoimmunkrankheit. Am Rande der betroffenen Stellen wird eine Ansammlung weißer Blutkörperchen gefunden - die Abwehrzellen des Organismus.
Das heißt: Körpereigene Zellen greifen die Haarwurzeln an - sie verkümmern. Die Folge: Plötzlicher Haarausfall an der betroffenen Stelle. Der weitere Verlauf ist nicht vorherzusehen. Im Extremfall gehen alle Körperhaare verloren - auch die Augenbrauen und die Wimpern. Der kreisrunde Haarausfall hat also nichts mit Hormonstörungen zu tun.
Die Prognosen bei kreisrundem Haarausfall
In etwa 70 Prozent der Fälle wachsen die Haare nach - auch wenn es manchmal Monate oder Jahre dauert. Bei 20 Prozent allerdings heilt die Krankheit nicht ab - oder sie kommt immer wieder. Zu dieser Gruppe gehören Betroffene mit Allergien, Neurodermitis oder Asthma.
Die Therapie, bei der ein allergisches Kontaktekzem erzeugt wird, erfordert Geduld: Die Kopfhaut wird mit einer Tinktur eingerieben, welche die Haarwurzeln künstlich reizt und zur neuen Produktion anregt. Mit anderen Worten: Diese Methode hat auch Nebenwirkungen: Die behandelte Hautstelle nässt und juckt. Dennoch, das Verfahren zeigt Erfolg. Oftmals wachsen die Haare danach wieder.
Doch es gibt noch andere Therapieansätze und Erfolgsmeldungen: Akupunktur zum Beispiel oder Zinkbehandlung. Leider haben alle Methoden eines gemeinsam: Ein dauerhafter Erfolg kann nicht garantiert werden.
Entsteht kreisrunder Haarausfall, weil die Seele krank ist?
Psychologen sagen “Ja” - und liefern Erklärungen. Betroffene Frauen hätten eines gemeinsam: sie seien ängstlicher Natur und hätten Angst vor Verlusten - vor Scheidung etwa, oder vor dem Tod einer nahe stehenden Person. Sie suchten Schutz im Rückzug vom Leben.
Haarausfall bei Frauen - ein weites Feld, aber man muss Geduld haben und hartnäckig nach den Ursachen forschen, ebenso Geduld bei der Therapie aufbringen - auch wenn es manchmal schwer fällt.
——————————————–
Bericht auf br-online.de